Geh' nicht mit Fremden mit. Mein Sohn und die Distanzlosigkeit.

Irgendwann so um die 7 Monate herum soll bei einem Baby die Fremdelphase beginnen. Heißt es im Lehrbuch. Als der Krümelsohn so alt war, war ich also auf Hab-acht-Stellung, doch der kleine Mann zeigte keinerlei Anzeichen und ich war ein bisschen stolz auf mein stets freundlich lächelndes Baby. Erst jetzt, im Kleinkind-Alter, merke ich, was dieses Nicht-Fremdeln für Auswirkungen auf den Umgang des Krümelsohns mit Erwachsenen hat - und mache mir da inzwischen so meine Sorgen.

Irgendwann so um die 7 Monate herum soll bei einem Baby die Fremdelphase beginnen. Heißt es im Lehrbuch. Als der Krümelsohn so alt war, war ich also auf Hab-acht-Stellung und fragte mich, wie schlimm es denn so bei ihm werden würde. Hatte ich meine Nichten noch gut vor Augen, die beim Anblick vom Onkel Herr Krümel in laut tosendes Geschrei verfielen. Einmal sogar eine halbe Stunde lang. Es reichte für die kleinen Damen allein seine Anwesenheit und schon war nichts mehr zu machen. Als der Krümelsohn im entsprechenden Alter aber keinerlei Anzeichen des Fremdelns machte, war ich erleichtert und manchmal auch ein bisschen stolz auf mein stets freundlich lächelndes Baby. 

Neue Bezugspersonen in Krippe und Kindergarten: Kein Problem für den Sohn

Dann wurde der kleine Mann ein Jahr alt und aus dem Baby ein Kleinkind. Die Krippeneingewöhnung stand (vor allem mir) bevor. Einen ganzen Monat sollte sie dauern, und siehe da, es lief wie am Schnürchen. Sicherlich, die erste Zeit war gewiss eine Umstellung für uns alle, ein paar Tränchen flossen, doch der Sohnemann fügte sich ganz prima in die neue Umgehung und den neuen Tagesablauf ein und hatte schon sehr bald seine weiteren Bezugspersonen ins Herz geschlossen. Als nach Ablauf des ersten Krippenjahres der Elternausflug anstand,  erlebte ich erstmals, wie frei mein kleiner Krümelsohn mit anderen bzw. fremden Erwachsenen, sprich den Eltern der anderen Krippenkindern, umging. Lief mit ihnen mit, nahm gerne kleine Naschereien von ihnen an, schäkerte mit ihnen. Im Gespräch mit den Eltern erfuhr ich, dass mein kleiner Herr auch sonst so im Krippenalltag durchaus zugängig zu ihnen ist und ihnen beim Abholen der eigenen Kinder diverse Geschichten "erzählte" und sie generell superinteressant fand. Da habe ich mir noch nichts gedacht, sondern mich über mein aufgeschlossenes, selbstbewusstes Kind insgeheim gefreut. Ein Wechsel der Einrichtung stand schließlich kurz vor seinem zweiten Geburtstag bevor - und auch hier war die Eingewöhnung in die neue Umgebung mit neuen Erzieherinnen und Kindern mehr oder minder ein Klacks. Die Leiterin der Einrichtung nannte er anfangs sogar "Oma", was für ihn bedeutete, dass er sich bei ihr sehr wohl fühlte. Hier begann es dann aber, dass ich mir das erste Mal Gedanken machte, über seine Art mit anderen Personen (außerhalb der Familie) umzugehen. Auch wenn man hier fairerweise hinzufügen muss, dass eine Erzieherin zu einer engen Bezugsperson für das Kind werden MUSS und ich schon auch sehr froh war, dass der Krümelsohn relativ schnell starkes Vertrauen eben zur Leiterin der Einrichtung gefasst hatte. Aber musste er sie gleich "Oma" nennen?? So alt ist die Frau doch gar nicht und darüber hinaus, ist es auch nicht so, dass er keine eigenen Großmütter hat, die ihm total wichtig sind.... 

"So positiv ich das aufgeschlossene Verhalten des Krümelsohns am Anfang fand, mittlerweile wünsche ich mir fast, dass er doch lieber fremdeln würde."

Mir fiel daraufhin mehr und mehr auf, wie interessant mein Sohn andere Menschen findet. Zum Beispiel auch unsere Nachbarn hier in unserem kleinen Neubaugebiet. Eine gute lange Phase lang, fand er einen unserer Nachbarn so spannend, dass er stets lauthals kommentieren musste, sobald er ihn draußen sah. Entdeckte er ihn, kam er gleich angeschossen, um ihn "auszufragen" bzw. ihm seine Geschichten zu erzählen. Sah er ihn einmal nicht, wollte er permanent wissen, wo er gerade steckte. Beim ersten Mal Kinderturnen umarmte er innerhalb der ersten 10 Minuten gleich einmal die Kursleiterin - und das in einer absolut fremden Umgebung mit fremden Kindern. Selbst die gute Frau war überrascht über ein so offenes Kind. Situationen in dieser Art kann ich mehrere schildern: Der Krümelsohn läuft auf der Straße zu einem älteren Mann zu und als dieser mit mir ein paar kurze (oberflächliche) Worte wechselt, hat der Kleine gleich Vertrauen gefasst und läuft ihm zwischen die Beine. Im Supermarkt spricht er fremde Leute an oder zeigt ihnen etwas, und so weiter und so fort.

So positiv ich das aufgeschlossene Verhalten des Krümelsohns am Anfang fand, mittlerweile wünsche ich mir fast, dass er doch lieber fremdeln würde.Einfach, weil ich dann sicher wäre, der Sohnemann würde erst einmal abwägen und überlegen, wem er vertrauen könne und wem nicht.

 

 

Muss ich das unbekümmerte Weltbild des Kindes zerstören?

So habe ich aber ein Kleinkind, das ein absolutes Ur-Vertrauen darauf hat, dass es alle Menschen gut mit ihm meinen und dass alle so aufgeschlossen sind, wie es selbst. Ich freue mich zwar nachwievor ein bisschen über diese wunderbar unverfälschte und unbekümmerte Wesensart meines Sohnes, aber auf der anderen Seite wird mir angst und bange, weil ich in unserer heutigen Welt leider weiß, dass eben doch nicht alle Menschen gut sind. Zu viel hat man in den Nachrichten von Kindsverbrechen gehört. Ich möchte jetzt nicht den Teufel an die Wand malen, aber wie heißt es doch so schön, "Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste". Die Crux ist dabei , dass ich nicht weiß, wie ich ihm ein langsameres Annähern an Erwachsene verständlich beibringen soll, ohne sein unbekümmertes Weltbild komplett aus den Angeln zu heben. Ich möchte ihm auf keinen Fall Angst machen, ich möchte einzig, dass er nicht so ungestüm drauf los plappert, zeigt, umarmt, was auch immer. Auf der anderen Seite frage ich mich, ob sein Kleinkind-Gehirn schon so genau differenzieren kann, wie er sich bei welchen Erwachsenen zu verhalten hat. Derzeit versuche ich ihm aus genau dieser Befürchtung heraus einzubläuen, dass er grundsätzlich immer erst mich oder den Papa um Erlaubnis zu fragen hat, wenn er mit einem Erwachsenen redet, aber dieser Weg fruchtet (noch) kaum. Daher bin ich momentan noch mehr als bisher darauf aus, den Sohn keine Minute aus den Augen zu lassen und darauf zu hoffen, dass bei ihm vielleicht doch noch irgendwann die "Fremdel"-Phase kommt.

 

Wie sind Eure Erfahrungen hierzu?