Wo ist mein Kind? Als der Krümelsohn in Italien verloren ging.

Es gibt Situationen, da ist man sich als Mutter sicher: So etwas passiert mir nicht, dafür bin ich viel zu aufmerksam, clever und umsichtig. Situationen, die immer nur den anderen passieren, einem selbst aber sicherlich nie. Dementsprechend muss man sich als Mutter auch gar nicht weiter darum Gedanken machen. Punkt, Ende aus, abgehakt. Als würde die Attitude, man sei eine fürsorgliche Mutter, vollkommen ausreichen und das Unheil sei dadurch quasi abgewendet. Tja, denkste. Dieser Fehleinschätzung, oder sollte ich besser schreiben, Unterschätzung, bin ich vor Kurzem in unserem Italien-Kurztrip über die Ostertage erlegen. Die Situation kam so unfassbar schnell, erwischte mich so unvorbereitet und zog mir komplett den Boden unter den Füßen weg: Der Krümelsohn ging verloren...

Einkaufszentrum am Regentag, keine gute Idee...

Seit Jahren nutzen Herr Krümel und ich, wenn es sich zeitlich irgendwie einrichten lässt, die Ostertage für eine Auszeit in Italien. Mit Ziel Gardasee rollten wir am Karfreitag über den Brenner und freuten uns darüber, trotz befürchteter Auto-Kolonnen Stoßstange an Stoßstange, fast in Rekordzeit in Bella Italia anzukommen. Beide Krümelkinder genossen sichtlich die Auszeit und Klimaveränderung. Wir Eltern konnten richtig gut den Alltagsstress zuhause lassen und fix auf Urlaubsmodus umschalten. Alles gut, alles prima, Sonnenschein. Als uns dann aber am Samstagmittag doch ein paar Regentropfen überraschten, entschlossen wir für den Nachmittag in ein Einkaufszentrum zu flüchten. Ein bisschen bummeln und der Einkauf für die beiden Osterfeiertage musste ja auch noch getätigt werden... Tja, dass diese Idee nicht nur wir, sondern auch noch zahlreiche andere Urlaubsgäste wie Einheimische hatten, hätte uns eigentlich klar sein müssen. Das Einkaufszentrum war proppenvoll.

Hui, also sondierten wir die Lage zunächst einmal bei einem Cappuccino in einem der vielen kleinen Cafés des Einkaufszentrums. Man wäre nicht in Italien, wenn es nicht für die Kinder eine Spielecke geben würde, insofern tobten die Krümelkinder dort herum während wir Großen unseren Kaffee genossen. Im Nachhinein denke ich mir,  ach wären wir dort doch nur sitzen geblieben, hätten den Kindern beim Spielen zugesehen und hätten einfach weiterhin den Müßiggang des Urlaubs gelebt. Aber leider kam es anders. 

Fehlkommunikation zwischen mir und Herrn Krümel

Bummeln und ein bisschen durch die Läden ziehen haben wir gleich abgehakt, es war schlichtweg zu viel Trubel. Somit stand "nur" noch der Wochenend-Feiertags-Einkauf im Supermarkt an. Ein Riesending, unübersichtlich und voll mit Einkaufswütigen. Schlecht vorbereitet waren wir, eine konkrete Einkaufsliste gab es nicht. So schnellte binnen Sekunden mein Stresslevel hoch. Die Krümelkinder quengelten, wollten dies, wollten jenes, wollten durch die Gänge flitzen und darüber hinaus war der Krümelsohn auch noch eines - superanhänglich und kuschelbedürftig. Meine Devise war also, den Einkauf so schnell wie nur irgendwie möglich über die Bühne zu bringen und dann nix wie raus aus dem Einkaufszentrum und zurück in die Ferienwohnung. Leider dauerte alles trotz gebotener Eile länger als gewünscht, weil wir uns so schlecht zurechtfanden. Als wir dann endlich an der Kasse anstanden (mit einer Riesenschlange davor, logisch!), merkte ich, dass ich gaaaanz dringend auf die Toilette musste. Meine Bedürfnisse, und seien sie noch so banal, hatte ich mal wieder hinten an gestellt. Tja, und dann ging irgendwie alles ganz fix. Ich rief Herrn Krümel meinen Plan zu, schnell das nächste Örtchen aufzusuchen und er solle doch bitte in der Zwischenzeit den Einkauf zu Ende bringen. Seine Antwort wartete ich gar nicht mehr ab, so dringend musste ich los. Das sollte sich als Riesenfehler herausstellen. Die nächste Offenbarung hatte ich vor der Kundentoilette: auch hier eine meterlange Schlange. So ein Mist!! Was mach ich bloß. Dreist mogelte ich mich aufs Behinderten-WC und nach einer Abwesenheit von ca. 5 Minuten kam ich erleichtert zur Supermarktkasse zurück, an der Herr Krümel gerade dabei war, unsere Einkäufe zu bezahlen. Auf meine Frage, wo denn der Krümelsohn sei, schaut mich mein Mann nur entgeistert an. "Wieso, der wollte doch mit Dir mitkommen???!!". 

Die pure Panik

Das war also das, was mir Herr Krümel vor meiner eiligen Toiletten-Aktion noch zugerufen hatte: dass mein aktuell stark mama-fixierter Sohn mit mir zur Toilette möchte. In meiner Eile hatte ich das nicht mehr mitbekommen, sondern war gleich losgelaufen. Dass mir mein kleiner Mann folgt, habe ich überhaupt nicht gesehen. Dieser Moment, diese Sekunde! Diese Erkenntnis, dass mein Kind weg ist, weg in diesem übervollen, unübersichtlichen, italienischen Einkaufszentrum. Diese Erkenntnis zog mir den Boden unter den Füßen weg. Trifft mich voll in der Magengrube. Absolute Panik steigt hoch, mir ist schwindelig und ich zittere am ganzen Körper. Wieso passiert mir, uns das? Wieso, wieso, wieso? Ich furchtbare Mutter hab mein Kind allein gelassen!! Bleiern und wie gelähmt stehe ich da, eine Viertelsekunde lang. Dann laufe ich los. Kopflos, ohne Ziel. Wo ist mein Kind??? Laufe zurück zur Toilette, kein Krümelsohn. Laufe zur Supermarktkasse, an der das Personal gerade dabei ist, erste Schritte zum Auffinden des Kindes mit dem Einkaufszentrums-Management anzugehen. Laufe unorientiert weiter. Erst während des Laufens fällt mir, ein dass ich ihn laut rufen sollte. Vielleicht hört er mich ja, wenn er mich inmitten der Menschenmassen schon nicht sieht?? Hier die Rolltreppe? Er wird doch nicht die Rolltreppe benutzt haben??? Allein dieser Gedanke, dass mein Suchradius sich durch diese Rolltreppe immens vergrößern würde, gibt mir den nächsten Schlag in die Magengrube. Ich rufe, ich schreie panisch seinen Namen. Und da, plötzlich nimmt mich ein italienischer Mann am Arm, redet auf mich ein, was ich in meiner Panik nicht höre, nicht verstehe, nimmt mich mit und führt mich zurück - zu unserem Cappuccino-Café. Eine Menschentraube hat sich davor versammelt und dann endlich sehe ich ihn: meinen kleinen Sohn, vollkommen am Boden zerstört, zitternd,  verängstigt, ein ganz roter verweinter Kopf. Ein hilfloses Häufchen Elend an der Hand einer Kellnerin. Die Erleichterung, die in diesem Moment bei mir eintritt, ist mit Worten nicht zu beschreiben. Ich sinke vor ihn, nehme ihn in die Arme, wir beide weinen bitterlich. Ich vergesse inmitten der Emotionsflut mich bei all den Helfern zu bedanken, trage den Krümelsohn zurück zur Supermarktkasse. Wir vier, wieder vereint. Zig Hände klopfen uns den Rücken, streicheln dem Krümelsohn über den Kopf, va bene, va bene. 

Wie konnte das alles nur passieren?

 Einen Grund, noch länger im Einkaufszentrum zu bleiben, hatten wir nun wirklich nicht. Raus, nur raus. Ich weine fast den gesamten Rückweg zur Ferienwohnung, wie konnte mir das nur passieren? Wie konnte ich so unachtsam sein? Heute wenn ich darüber nachdenke, sehe ich durchaus die ungünstigen Rahmenbedingungen,  die unglückliche Verkettung von Umständen, die zum Vorfall geführt haben: das übervolle Einkaufszentrum, die fremde Umgebung, meine menschlichen Bedürfnisse, der anhängliche Krümelsohn, mein Stress, die Fehlkommunikation zwischen mir und Herrn Krümel. Entschuldigen kann ich das Geschehene trotzdem nur schwer damit. Ich bin doch sonst auch immer total aufmerksam und fast schon übervorsichtig. Vergewissere mich (normalerweise!) stets, ob alle Kinder bei mir sind. Habe vor Zeiten schon dem Krümelsohn ein Safety-Armband mit seinem Namen und meiner Telefonnummer drauf gekauft. Das zuhause in Deutschland in seiner Schublade lag...  Aber vielleicht, und das ist der Gedanke, der es mir heute zumindest erträglich macht, über die Vorkommnisse am Gardasee nachzudenken, gehen Kinder trotzdem manchmal verloren? Auch wenn man sonst noch so gut aufpasst? Vielleicht hatten wir alle an diesem Samstag im italienischen Einkaufszentrum einfach nur das Unglück für eine Weile gepachtet - und können im Nachhinein froh sein, dass alles doch so glimpflich ausging. Können froh sein, dass der Krümelsohn sich trotz seiner erst 3,5 Jahre so kompetent verhalten hat und einfach zu der Lokalität zurückgelaufen ist, bei der er sich quasi auskannte ("Da war ein Schild mit Eis drauf, Mama"). Können dankbar sein, dass uns so viele Menschen geholfen haben. Ich hoffe jedenfalls, dass dieses Erinnerung über die Jahre an Schrecken verlieren wird und dass wir irgendwann, wenn wir so zusammen sitzen, mit einem Augenzwinkern und Schmunzeln sagen können, "ach weißt du noch, wie es damals war, als der Krümelsohn im Einkaufszentrum verloren ging..."