Wie Bruder und Schwester. Von der Geschwisterliebe.

In fast sechs Monaten als Zweifach-Mama warte ich immer noch fast täglich darauf, wann sie nun einsetzt: die Eifersucht zwischen den beiden Kindern.  Bange darüber, wann der Krümelsohn ausrastet, weil da ein Baby, seine Schwester, da ist, das seine Mama genauso in Anspruch nimmt wie er selbst. Oder meistens sogar noch mehr. 

Befürchte, dass er sich schmollend oder sogar verstört in eine Ecke zurückzieht und einfach nur traurig darüber ist, dass er nicht mehr die absolute Nummer 1 in der Familie ist. Doch, nichts dergleichen passiert. Toi toi toi. Ist das immer noch die Ruhe vor dem Sturm der zankenden, schreienden Geschwister oder - ein ganz vorsichtiges oder - wird alles vielleicht doch nicht so schlimm und meine kleinen Beiden haben sich wirklich gern?

Meine eigene Kindheit: Als die Schwester der Gegner war.

Erinnere ich mich an meine Kindheit als große Schwester mit einer drei Jahre jüngeren Schwester ist da durchaus ein schaler Beigeschmack, wenn es um das gemeinsame Großwerden geht. Ich denke da an unzählig viele größere und kleinere Streitereien zwischen mir und ihr. Mal wegen Nichtigkeiten, mal wegen - damals - gefühlter Ungerechtigkeit, Eifersucht, Neid. In der Pubertätshochphase war es sogar so, dass sich regelrechte "Lager" innerhalb der Familie gebildet hatten. Das Team Mama, dem meine kleine Schwester angehörte, wohingegen ich im Team Papa war. Diese 2 gegen 2 Konstellation bewirkte, dass wir Kinder uns mehr an ein Elternteil klammerten und das andere Elternteil für uns damals nicht mehr als nur nettes Beiwerk war. Sagen lassen wollten wir uns vom "gegnerischen" Elternteil damals nichts. Und das   Geschwisterkind? Nun ja, das war in dieser Zeit tatsächlich mehr ein Gegner als ein Geschwisterchen. (Familien-)Psychologen hätten eine wahre Freude an uns gehabt...

Aus dem Geschwister-Nähkästchen: Dramen um Sauerkirschtorte

So dramatisch diese Familiensituation nun klingt, im Rückblick dauerte sie tatsächlich nur ein paar Jahre an und bietet heute einen großen Fundschatz an skurilen, tragisch-komischen Ereignissen: Da hatte meine Schwester damals im Hauswirtschaftsunterricht eine wundervolle Schwarzwälder Kirschtorte gebacken und  durfte ein Stück davon mit nach Hause nehmen. Dieses Tortenstück wollte sie voller Stolz "ihrer" Mama präsentieren. Jetzt war Kirschtorte aber schon von jeher meine Lieblingstorte und ich wollte unbedingt etwas vom Tortenstück abhaben. Nach langem Hin und Her erlaubte meine Schwester es mir tatsächlich ein Stück abzuschneiden. Leider habe ich es damals aber dann zu Wege gebracht und das Tortenstück in ihren Augen ruiniert, weil ich "falsch" abgeschnitten hatte. Nicht längs, sondern quer. Es entfachte ein bitterböser Streit darüber und vor lauter Zorn habe ich meiner Schwester dann das verbliebene Stück Torte ins Gesicht geknallt. Jep. Mit sahneverschmierter Brille (inklusive Sauerkirsche zwischen Brille und Auge :))) ging sie auf mich los, was mein Vater mitbekam und nur eine wutentbrannte Tochter erlebte, die wie ein Furie auf die große Schwester losging, und der jüngeren Tochter daraufhin eine klatschte. Team Papa und so, ihr versteht ja?! So fühlte ich mich damals, absolut im Recht. Wer wie wo was falsch angegangen war, mag ich heute gar nicht mehr entwirren. Fakt ist, Streit zwischen mir und meiner Schwester gab es fast täglich.

Will ich überhaupt zwei Kinder?

Diese und auch andere Geschichten also in Erinnerung, war ich mir lange nicht sicher, ob ich selbst überhaupt zwei Kinder haben möchte. Das Gefühl, gerade bei der Mutter, meist hinten anstehen zu müssen und vermittelt bekommen zu haben, dass man als Kind allein den beiden Eltern (oder gerade der Mutter??) wohl nicht "ausgereicht" hatte, weil ja noch ein zweites Kind nachkam, das nagte lange in mir. Und so war ich hin- und hergerissen bis zur Geburt des Krümelsohns. Doch dann merkte ich ganz fix, dass da so viel Liebe in mir ist, dass ich diese Liebe unbedingt, wenn es denn klappen sollte, noch einem weiteren Kind schenken möchte. Und so wurde ich von der Baby-Krümeline schwanger und fast die gesamte Schwangerschaft begleitet von einem Dauer-Schlechtem-Gewissen gegenüber dem Krümelsohn. Dass ich als Mama ganz bald nicht mehr 100% für ihn da sein werde können. Dass er sich genauso zurückversetzt fühlt wie ich damals als meine jüngere Schwester kam. Genauso wütend wird und unfassbar traurig.  Und bis heute passiert nichts davon. 

Diese Liebe zwischen den beiden - für mich als Mama das Größte

Vom ersten Lebenstag der Krümeline an, ist der Krümelsohn einfach nur ein absolut fantastischer, liebevoller, umsorgender, witziger, großer Bruder. Von Rivalität und Eifersucht keine Spur. Nicht die Bohne. Ehrlich. Es ist vielmehr so, dass ich als Mama in seiner Wahrnehmung jetzt nur noch mit dem "Anhängsel" Baby auftauche. In seinem kleinen Köpfchen ist seine Schwester als Familienmitglied gesetzt und wird nicht hinterfragt. So oft hört man von größeren Geschwisterkindern, die den Neuankömmling gerne wieder zurückgeben möchten. Beim Krümelsohn undenkbar. Kümmere ich mich einmal ausschließlich um ihn, weil das Baby schläft, dann fragt er  nach ihr und will wissen, wo sie ist und was sie macht. Klar, er genießt dann schon meine Aufmerksamkeit, aber es auch wichtig für ihn, dass er weiß, die Mama kümmert sich im nächsten wichtigen Augenblick dann auch genauso um seine kleine Schwester. Überhaupt, ich hätte es nie zu träumen gewagt, dass mein kleines großes Kind mit seinen zweieinhalb Jahren schon so einsatzfähig ist, wenn es um die Babybedürfnisse geht. Häufig ist er mein Assistent und mir schon eine kleine Unterstützung im Alltag. Bespaßt seine Schwester wenn sie meckert, reicht mir Spucktuch, Fläschen, Lieblingsspielzeug, führt ihr vor, wie das mit dem Essen/Trinken/Runterschlucken so funktioniert und verteidigt sie, wenn andere Kinder in seinen Augen zu viel am Baby "rumzuppeln".  Mein Mutterherz geht in diesen Momenten über vor Freude und Liebe. Dass diese Geschwisterliebe dabei erwidert wird, lässt mich schier Platzen vor Glück. Auf all seine Bemühungen rund um seine Schwester erntet der Krümelsohn von der Krümeline ein Lächeln, Glucksen, Lachen. Und legt sich gleich noch mehr für sie ins Zeugs. So klein sie noch ist, das Baby, es scheint so, als hätte ihr Bruder schon jetzt bei ihr Narrenfreiheit: er darf sie (versehentlich) anrempeln, ohne dass sie meckert, und wenn er einmal in seinen Liebesbeweisen für sie zu grob wird, dann nimmt sie ihm das auch nicht krumm. Wohingegen sie schon durchaus ihren Unmut kund tut, wenn wir Eltern sie einmal falsch anpacken.

 

Kann sich eine so tiefe Bindung zwischen den Geschwistern so früh bilden? Ich hoffe es so sehr. Es würde mich um einige Gewissensbisse, Erinnerungsmonster aus der Kindheit und viel im Nacken sitzenden Stress erleichtern. Und es könnte meine Aufgabe als Mama, jedes Kind in seinem Wesen zu unterstützen und trotzdem eine Geschwistergemeinsamkeit zu fördern, wesentlich angenehmer als gedacht werden lassen.