Warum ich das Dorfleben manchmal hasse

Folgendes kurz vorneweg: Wir haben uns das Leben hier in unserem idyllischen Dorf in Oberbayern selbst so ausgesucht und sind glücklich, hier gebaut haben zu dürfen. Aber es gibt sie, diese Tage wie heute, an denen ich das Dorfleben einfach nur hasse. Oder zumindest verteufele, weil es so viele Umstände in meinem Alltag so schwierig macht. Heute fühle ich mich als glücklich verheiratete Frau trotzdem wie eine Alleinziehende - und verneige mich tief vor all denjenigen, die die Kindererziehung und Co. allein stemmen. Wobei viel anders ergeht es mir unterhalb der Woche auch nicht.

Abgesehen davon, dass Herr Krümel mir morgens dabei hilft, die Kinder für den Tag fertig zu machen, das Frühstück vorbereitet und den Krümelsohn in den Kindergarten bringt, stehe ich nämlich den Rest des Tages bzw. den Rest der Woche alleine mit den beiden kleinen Krümeln da.

Montags ist es am Schlimmsten

Montags fällt es mir immer besonders schwer, wieder in den Alltagstrott zu finden, weil wir uns die Familien-Haushalt-Kinder-Themen übers Wochenende immer teilen oder (so wie dieses vergangene Wochenende) die Oma besuchen und dann tatsächlich mal ein paar Stunden Auszeit für uns abfallen. Ich hasse heute das Dorfleben, weil wir so weit weg vom Rest der Familie wohnen, dass man eben nicht mal die Oma, die Schwester oder sonst eine Familienperson um Hilfe bei der Kinderbetreuung bitten kann. Mit dem Dorfleben an sich hat dieser Umstand jetzt noch nicht viel zu tun, mag einer vollkommen richtig anmerken. Das geht den "Städtern" oft genauso. Schlimm ist es nur hier für mich in unserem Dorf mitzuerleben, wie es beim großen großen Großteil der ortsansässigen Familien (nicht zugezogenen Familien, so wie wir) so funktioniert, bei denen die Großeltern z.B. oft gleich noch im selben Haus wohnen. Da bin ich, ganz offen gesprochen, einfach nur fürchterlich neidisch. 

Immer diese Pendelei und fehlende Infrastruktur

Unsere Dorfabgeschiedenheit nervt mich heute aber auch, weil Herr Krümel dadurch so eine weite Pendelei zum Arbeitsplatz in München auf sich nehmen muss und eben mal nicht spätestens zum Abendessen zu Hause ist, mit den Kindern noch kurz spielt und gemeinsam mit mir sie dann zu Bett bringt. Ich hasste es heute mal wieder, dass ich einen übermüdeten und dadurch total aufgedrehten Krümelsohn ins Bad, respektive ins Bett schleifen musste und nebenbei die schreiende Krümeline auf dem Arm hatte. Zu zweit wäre das wesentlich entspannter abgelaufen. 

 

Zum Haare raufen war auch die Situation heute morgen: Die Baby-Krümeline ist krank und ich war zwar letzte Woche schon zum kurzen Check beim Kinderarzt, aber ihre Situation hat sich leider noch nicht verbessert. Sie hustet schrecklich und in schlechter Gesamtverfassung. Als ich gleich heute morgen einen weiteren Arzttermin für sie ausmachen wollte, hing ich ungelogen eine Stunde in der Warteschleife, weil dauerbesetzt war. Auch dafür hasse ich das Dorfleben. Wir haben hier nur in der nächstgrößeren, 20 Minuten entfernten, Kleinstadt insgesamt vier Kinderärzte, die den durchaus sehr familienreichen Landkreis betreuen. Kein Wunder also, dass der Andrang in den Praxen zur Erkältungszeit den Rahmen mehr als nur sprengt. In infrastrukturstärkeren Landstrichen nimmt das sicherlich nicht diese Ausmaße an. Immerhin hab ich zumindest für morgen einen Termin für sie ausgemacht bekommen. 

 

Ich hasse heute das Dorfleben auch deshalb, weil ich wie eine Bekloppte seit Tagen nur am Rumrechnen bin, wie ich den geplanten Jobwiedereinstieg im Herbst am besten mit den Betreuungszeiten der örtlichen Kinderbetreuung vereinbare. Es gleicht der Quadratur des Kreises. Durch die langen Pendelzeiten lasse ich soviel Betreuungs - bzw. Arbeitszeit einfach auf der Strecke. Für zu wenig Wochenstunden im (Teilzeit-)Job lohnt sich die Pendelei nach München nicht, auf der anderen Seite hat der Kindergarten auch nicht ewig geöffnet. Ob ich ein Home office beim Arbeitgeber erwirken kann, ist mehr als offen. 

Die zwei Seiten der Medaille

 

Das Dorfleben, es sind immer die zwei Seiten der Medaille: Im Winter sind unsere kleinen Landstraßen eine Katastrophe, wenn man nur zum nächsten Supermarkt im nächsten Dorf will. Kinderwagen-Ausfahrten bei den winterlichen Verhältnissen mit teilweise ungeräumten Gehwegen - einfach nur irrsinnig. Mir fehlt, ein kleiner gemütlicher Bäcker mit zumindest einer Café-Ecke für den heißgeliebten Cappuccino und ein paar Minuten Zeitschriften-Geblättere außerhalb der heimischen 4 Wände. Oder Freunde, die schnell mal in den nächsten Zug oder die nächste S-Bahn steigen, um zu Besuch zu kommen. Ohne bequeme Anbindung zum Nahverkehr müssen wir hier schon zusehen, dass wir nicht im Freundeskreis komplett in Vergessenheit geraten. 

 

Aber, ich bin mir sicher, dass morgen, wenn der blöde Wochenanfang rum ist, diese ganze Wut schon wieder verraucht ist. Dann sitze ich auf unserer Couch und freue mich über den traumhaften Alpenblick und unser ruhiges Dorfleben. Weil wir hier keinen störenden Autolärm haben und die Natur vor der Haustür liegt. Weil wir hier sicher einen Kindergartenplatz ohne Warteliste bekommen. Weil (dadurch) die Kinder hier gemeinsam groß werden. Weil hier auf dem Dorf tatsächlich die Welt noch in Ordnung ist, die Menschen warmherzig sind und Werte leben. Morgen dann weiß ich auch wieder, dass wir diesen Schritt "raus" ganz bewusst gemacht haben - und eigentlich doch nicht bereuen.