Hätte, hätte, Fahrradkette – mein (Jahres)Resümee

Ankleidezimmer mit Highheels
Der ungenutzte Teil des Ankleidezimmers

Den Artikel hätte ich auch noch anders benennen können. Zuerst wollte ich ihn „Als ich noch hip war“ betiteln, aber damit müsste ich mir komplett eingestehen, dass ich nun zur Dorfmutti verkommen bin und nicht wenigstens noch einen Funken „Trendiness“ in mir verspüre. Ob das so ist, kann man selbst zwar immer am wenigsten beurteilen, aber zumindest verspüre ich dieses Zeitgeist-Bestreben noch in mir – und damit ist doch noch nicht komplett Hopfen und Malz verloren, oder? Zum Jahresende schaut man ja gerne zurück und zieht Resümee übers verstrichene Jahr und jammert, dass die Zeit dahin rast und sowieso. Ach ja, in die gleiche Leier könnte ich auch verfallen, doch bei mir ist es die Tage sogar noch viel schlimmer.

Ich hänge meinem „alten“ kinderlosen Leben nach, als ich noch jung und ungebunden war. Von den wenigen Verpflichtungen, die man als Studentin in der Großstadt hat, einmal abgesehen. Der Aufhänger für diese Studenten-/Single-/Twen-Nostalgie ist wohl das bevorstehende Silvester. Vor einer gefühlten Ewigkeit, also zumindest 15 Jahre, war es für mehrere Jahre lang ein gesetztes Event, dass ich mit meiner besten Freundin in den Flieger Richtung London stieg, um dort das Jahresende in den Clubs der Stadt zu feiern. Am Neujahrstag dann, egal wie verkatert wir auch waren, hieß es um 10 Uhr ab zum Shopping, das traditionsgemäß in einem regelrechten Kaufrausch endete. Hach, was würde ich im Moment darum geben, einfach mal blauäugig mich in den nächsten Flieger zu setzen und in London, Paris, New York, etc. einfach so drauf los zu shoppen. Könnte ich das überhaupt noch so unbedarft oder würde ich mittlerweile nicht vielmehr die „Dorftauglichkeit“ des entsprechenden Kleidungs-/Schuhstücks bedenken? Wohl eher. Diese Unbefangenheit in der Outfitwahl ist wohl genauso dahin wie meine U-Bahn-Monatskarte.

 

Früher war ich dafür bekannt, dass ich trotz meiner doch recht stattlichen 1,80 m stets auf Highheels unterwegs war. Nun ja, meine Highheels, es gibt sie noch. Sie führen ein recht eintöniges Leben in meinem Ankleidezimmer und warten dort auf den nächsten Einsatz, der wohl so schnell nicht kommen wird. Mit einem Baby auf dem Arm und den Rumpelwegen auf dem Land sind die hohen Hacken wohl eher ein albernes Risiko für mich und die Baby-Krümeline. Es ist ohnehin fraglich, ob ich mich auf den Dingern noch halbwegs straßen- und fußgängertauglich fortbewegen könnte. Ich kann mich ja auf die aktuellen Schuhtrends berufen, flach ist doch wieder in, oder nicht? Dann ist es doch in Ordnung, wenn ich tagein, tagaus, mit demselben Paar Ledersneakers durch unser Dorf latsche, weil ich einfach zu faul bin, mir aus dem Ankleidezimmer ein anderes (flaches!) Paar Schuhe zu holen. Aber meist bin ich eh schon total gestresst, wenn ich aus dem Haus gehe, weil es immer ein Riesenakt ist, beide Krümelkinder jahreszeiten- und wettergerecht und im Idealfall ohne große Protestattacken fertig zu machen. Wie ich dann aus der Haustür flitze, ist mir dann meist schon egal.

 

Zumindest glaube ich aber ganz fest daran, dass die Zeiten für meine Highheels wieder kommen werden, weil irgendwann, wenn unsere Kinder größer sind, Herr Krümel und ich wieder Dates in der Großstadt haben werden und in den Szene-Bars und -Restaurants unsere Zeit genießen werden.... gaaanz bestimmt ;)! Leider ist Herr Krümel seitdem wir auf dem Dorf leben in dieser Hinsicht aber sehr gemütlich geworden und ohne meinen Antrieb würde er niemals auf die Idee kommen, sich auf den weiten Weg in die Stadt zu machen. Er pendelt ja ohnehin wochentags dort immer zur Arbeit, warum dann auch noch am Wochenende oder am Abend? Das wird wohl dann an meiner Initiative hängen bleiben und ja, ich, ich müsste wohl zuerst eine umfassende Recherche betreiben, wo die sogenannten „Places to be“ denn nun mittlerweile in der Stadt sind. Plus, was man dort denn jetzt anzieht, zum Essen ordert, welchen Szenedrink man bestellt. Ach herrje, herrje, ob daraus was wird?!

 

Wo sind denn die Jahre geblieben, als ich noch zur Partyszene gehörte, als ich ganz genau wusste, in welchen Club man donnerstags, freitags oder samstags zu gehen hatte. Als die Türsteher mich mit Namen grüßten und mich aus den hintersten Reihen vorbei an der wartenden Menge in den Club wunken. Als ich außer Garderobengeld keine Ausgaben in den Partynächten hatte, weil ich ausreichend Leute kannte, die wiederum Leute an der Bar, am Eingang, etc. kannten??? Hach, hach, hach. Als ich das Gefühl hatte, nichts und niemand könnte mich bremsen und ich dachte, die ganze Welt liegt mir zu Füßen. Aber und ja, es gibt ein Aber, damals war ich Single und ungebunden und dieses Single-Dasein war nur in den Partynächten toll. Tagsüber, besonders an den Wochenenden, wenn ich nach meinen bis in die Morgenstunden dauernden Ausgehsessions aufwachte und den normalen Tagesablauf vor mir hatte, da musste ich mir damals schon eingestehen, dass mir doch etwas fehlte. Ich missgönnte den Pärchen damals ihre Zweisamkeit, ihre glücklichen langen Frühstücke. Sehr sogar. Voller Häme ließ ich mir damals als Single an der Wursttheke eines großen Supermarkts das komplette Roastbeef aufschneiden und verpacken. Sollte das schmachtende Pärchen hinter mir, das sich eben jenes Roastbeef schon prima für ihr kuscheliges Sonntagsfrühstück ausgemalt hatte, leer ausgehen. 

 

Zum Glück ließ Herr Krümel damals nicht mehr lange auf sich warten und wir traten die gemeinsame  „Pärchenreise“ an. Von unserer gemeinsamen Stadtwohnung aus zogen wir ein paar Jahre später in eine größere Wohnung ein bisschen außerhalb des Stadtrandes, bekamen den Krümelsohn und bauten danach unsere eigenen 4 Wände. Dann kam in diesem September die Baby-Krümeline und machte unser Familienklischee mit Vater, Mutter, Sohn und Tochter nun komplett. Schwupps ist man in den Mittdreißigern, die wilden Jahre sind dahin und ich stapfe in den besagten Ledersneakers, in Funktionsjacken und mit normalen Jeans und Pullis durchs Leben, äh Dorf. Meine Shopping-Highlights sind die Aktionsangebote in den umliegenden Supermärkten und Discountern, von eben solchen stammt auch meine Kosmetika, wenn ich es zwecks noch ausreichendem Windelvorrats nicht in die einschlägigen Drogerien schaffe. Einzig meine heißgeliebte Chanel-Mascara bestelle ich mir noch in der Online-Parfümerie und hey, ja, ein bisschen „Stadt“ ist da doch noch: von Herrn Krümel habe mir zu Weihnachten eine ziemlich fancy Sonnenbrille schenken lassen. Mal sehen, wann und wie die zum Einsatz hier kommen wird. Und wenn ich nun hier zum Ende des Artikels ein ganz ehrliches Resümee ziehe, ist doch alles gut so wie es gekommen ist: Wir sind hier auf dem Land glücklich und wollten für unsere Kinder genau dieses Umfeld, diese Welt, die noch in Ordnung ist. Würden mich Hipster-Outfits und schicke Restaurants im Moment glücklicher machen? Würde ich das gegen unseren kleinen Trotzkrümelsohn oder unserer kleine Raupe Nimmersatt-Krümeline tauschen wollen? Nein, auf keinen Fall :)!